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Antwort der BI Lichtenrade/Mahlow-Nord gegen Fluglärm auf BZ-Artikel

Gunnar Schupelius, Redakteur bei der Berliner Tageszeitung BZ, lud ein, zu seinem Artikel Stellung zu nehmen, ob er Recht habe - oder auch nicht...„Lärmgegner belästigen Fluggäste“ hieß es in der Überschrift (siehe nachfolgenden Link: http://www.bz-berlin.de/aktuell/berlin/laermgegner-belaestigten-fluggaeste-article1379754.htm

Der Artikel hat Bernd Röstel, Mitglied im Sprecherrat der BI Lichtenrade/Mahlow-Nord gegen Fluglärm animiert, der Aufforderung Folge zu leisten.

Hier die Antwort von Bernd Röstel (ungekürzt):

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Foto. BerLi-Press

 

Lehrstunde in Demokratie! – oder die Welt des Herrn Schupelius

Werter Herr Schupelius!

… Der Herr Schupelius fühlt sich belästigt! Durch ein paar Hundert Demonstranten und Schreihälse, die in dem Flughafengebäude „herumhampeln“ und mit Zetteln wedeln. Die nur im Sinn haben, Berlingäste und potenzielle Wirtschaftsansiedler zu vertreiben! – Ist das wirklich so einfach, Herr Schupelius?

Worum geht es eigentlich:

Zuerst ging es um die Entscheidung, einen Flughafen in einen dicht besiedelten Lebensraum mit  wichtigen Naherholungsgebieten für die Stadt Berlin zu projektieren.

Danach ging es um versprochene gerade verlaufende Flugrouten, die in Hochglanzbroschüren, durch Infomobile und Computeranimationen in der Infobox des Flughafens verbreitet wurden, obwohl die Verantwortlichen wussten und bewusst verschwiegen, dass diese Routen tatsächlich nie so verlaufen würden.

Dann um einen Flughafen, der für den regionalen Bedarf beantragt und genehmigt wurde, jetzt aber zum internationalen Drehkreuz ausgebaut werden soll und damit wesentlich mehr Lärm verursacht als ursprünglich mitgeteilt.

Dann geht es darum, in der Nacht wenigstens für einen menschlich nachvollziehbaren Zeitraum Ruhe für die lebensnotwendige gesundheitliche Regeneration zu haben, damit Kinder wenigstens ein paar Stunden unbehelligt schlafen können. Doch diese gerichtlich erkämpfte Nachtruhe von 24:00 – 5:00 Uhr ist auch keine komplette Nachtruhe, denn es dürfen trotzdem Bundeswehr-/Regierungsmaschinen starten und landen, wie auch Nachtpostmaschinen, die ja bekanntlich zu den ‚leisesten Flugzeugen weltweit‘ gehören!

Dann geht es darum, dass die 77 genehmigten Maschinen in der Zeit von 22:00-24:00 und 5:00-6:00 Uhr bedeuten, dass rein rechnerisch alle 2,3 Minuten ein Flugzeug über die Betroffenen hinweg donnert – selbst bei einer gleichmäßigen Verteilung auf die beiden Landebahnen, sind es immerhin noch alle 5 Minuten eine Maschine.

Dann geht es auch darum, dass durch die Lage des Flughafens die Routen gar nicht so gelegt werden können, dass niemand belästigt wird – es muss immer jemand unter extremem Lärm leiden. Mit Ihrer Aussage, dass die Routen soweit es ging von den Ortschaften weggelegt wurden, wollen Sie den Eindruck erwecken, als sei damit der Fluglärm beseitigt. Mitnichten! Er wurde teilweise anderen Ortschaften zugeschoben! Glücklicherweise ist die Zahl der Betroffenen gesunken – aber es sind immer noch viel zu Viele Menschen betroffen.

Es geht weiterhin darum, dass intelligente, lärmärmere Lösungen für den Flugverkehr nicht möglich sind, weil der Flughafenbetreiber auf einen unabhängigen Parallelflugbetrieb beider Landebahnen besteht – also derart, als würden zwei unabhängige Flughäfen nebeneinander bestehen. Denn das würde ja bedeuten, dass in Spitzenzeiten vielleicht drei bis fünf Maschinen weniger starten könnten, dass vielleicht 2 bis 3 Fluglotsen zusätzlich eingestellt werden müssten!

Es geht darum, dass sich die Betroffenen das einmal Beschlossene und Versprochene mühsam erkämpfen und einklagen müssen, mit viel persönlichem und finanziellem Aufwand.

Aber der Herr Schupelius fühlt sich durch das „Rumgehampel“ auf dem Flughafen belästigt! Gehören auch Sie zu den Menschen, die sich eher durch Kinderschreie belästigt fühlen, von Kindern, die von ihren Eltern verprügelt werden? Oder sollten sie sich nicht besser durch die prügelnden Eltern belästigt fühlen und dagegen einschreiten? Dies wäre Bürgersinn und menschliches Miteinander! Es wird viel zu viel weggesehen und zu wenig engagiert gehandelt.

Selbstverständlich ist die Mehrheit der 3,5 Millionen Berliner für den neuen Flughafen – auch viele der Demonstranten sind für den Flughafen! Sie sind allerdings für einen Flughafen, der durch intelligentes, rücksichtsvolles und ressourcenschonendes Planen zustande kommt und ebenso betrieben wird.

Und wenn sie eine Umfrage unter den 82 Millionen Deutschen starten, erhöht sich die Zahl der  Deutschen, die für den Flughafen BER sind noch einmal gegenüber der Zahl der Demonstranten. Und wenn Sie die Europäer fragen ……

Die Mehrheit der Berliner ist auch für Freibier für Alle (außer den Weintrinkern) und für Steuerfreiheit und für einen funktionierenden Nahverkehr und für …

Herr Schupelius, dies ist wiederum ein recht eindimensionales Verständnis von Demokratie. Ist Demokratie nicht vielmehr die konstruktive und streitfähige Auseinandersetzung um ein Problem, mit dem Ziel, eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung zu finden – zumindest eine Lösung, mit der die Unterlegenen auch würdevoll leben können??? Und das können nur die Unterlegenen beurteilen und nicht – sagen wir mal – ein Regierender Bürgermeister.

Ohne das belästigende „Rumgehampel“ der Demonstranten, wären die bisher erreichten Teiländerungen und Teilentlastungen am Flughafen- und Flugroutenkonzept nie eingetreten – wären Flughafengesellschaft, Deutsche Flugsicherung und die Politik den bequemsten und einfachsten Weg, natürlich ganz im Sinne des obersten Primats der Wirtschaftlichkeit gegangen. Denn leider muss man konstatieren, dass planerisches Denken, wirtschaftliches und politisches Handeln immer noch zu oft eindimensionale Wege beschreitet.

Ich fühle mich versucht zu äußern, Herr Schupelius, dass Sie diesen Weg offensichtlich auch bevorzugen.

Auch heute noch stehen die von Ihnen erwähnten älteren Damen mit Wollmütze - wie in Ihrer Kindheit - für die von Ihnen genannten Tugenden wie  Anstand und Ordnung! Gibt Ihnen das nicht zu denken, Herr Schupelius? Haben die Beweggründe der Demonstrierenden nicht vielleicht mehr Substanz, als Ihnen bisher in den Sinn gekommen ist? Verlassen Sie sich auf Ihre Erinnerung und das Gefühl Ihrer Kindheit!

Last not but least – Herr Schupelius – Ja! Solch ein Aufmarsch ist nicht nur erlaubt – er entspricht sogar dem grundgesetzlich verankerten Recht der Meinungs- und Versammlungsfreiheit! Wer hätte das gedacht, nicht wahr Herr Schupelius? Hätte für Sie ein Leichtes sein können, dies zu recherchieren. Die Demonstranten nehmen ein verbrieftes Recht wahr, dass zu kleinen Einschränkungen Anderer führen kann. Gemessen an den zu erwartenden tiefen Einschnitten für die Fluglärmbetroffenen eher eine Kleinigkeit!

Und um auch einem weiteren, gern verbreiteten Argument zu begegnen – Ja! Die Tegeler und Reinickendorfer hatten jahrelang unter dem Fluglärm des Flughafens Tegel zu leiden. Und ich beglückwünsche die bisher Belasteten ausdrücklich, dass sie diese Last endlich los sein werden. Diese Last endet mit dem letzten Spitzenwert von 169.000 Flügen pro Jahr – Der BER beginnt mit 243.000 Flügen (also rund 45.000 Flügen mehr) und soll bei 360.000 Flügen seine Höchstkapazität erreichen. Also mehr als doppelt so viel.

Für die Tegeler und Reinickendorfer hat sich die Belästigung langsam über Jahrzehnte entwickelt und gesteigert. Sie konnten sich langfristig darauf einrichten und Konsequenzen ziehen. Für die BER-Anwohner vollzieht sich dies innerhalb eines Tages – dem 3. Juni 2012. Hier gibt es nur ‚Friss oder Stirb‘!  

Urteilen Sie selbst, Herr Schupelius, ob es der Weisheit letzter Schluss ist, 100.000de zu entlasten, um zugleich mehrere andere 100.000de zu belasten? Nach welchen Kriterien werden Entscheidungen von gewählten Volksvertretern getroffen? Geht es um „Verschlimmbesserung“ oder sollte politisches und gesetzliches Handeln nicht daran ausgerichtet sein, für ALLE eine Lösung zu erzielen, die der menschlichen Vernunftbegabung gerecht wird?

By the way – Herr Schupelius, wo wohnen Sie eigentlich?

 Mit den besten Wünschen für eine ausgewogenere Meinungsbildung.

Bernd Röstel
Mitglied des Sprecherrates
BI Lichtenrade/Mahlow-Nord
gegen Fluglärm e.V.

www.lichtenrade-gegen-fluglaerm.de

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Internetzeitung von www.lichtenrade-berlin.de!
Hier wird jetzt in lockerer Folge von aktuellen Lichtenrader Geschehnissen berichtet. Eine Art "AKTUELLE INTERNETZEITUNG" könnte man auch sagen...
Viel Spaß dabei!
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