Flüchtlinge sind in Lichtenrade willkommen!

10. Oktober 2014 Es war nicht von vornherein klar, wie die Stimmung in der Salvator-Kirche sein würde. Ganz schnell stellte sich bei der Bürgerversammlung heraus, dass die überwältigende Mehrheit der rund 300 Anwesenden die Flüchtlinge in Lichtenrade willkommen heißt.

Die Entwicklung ging so schnell

Angesichts der krisenhaften Entwicklung haben sich die Flüchtlingsströme deutlich erhöht. So mussten in der ehemaligen Senioreneinrichtung „Georg-Kriedte-Haus“ am Kirchhainer Damm seit circa 3 Wochen Flüchtlinge und Asylbewerber untergebracht werden. Die Entwicklung ging so schnell, dass das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg erst jetzt zu einer Bürgerversammlung in die Salvatorkirche einladen konnte. Eingeladen wurden in erster Linie die unmittelbaren Anwohnerinnen und Anwohner sowie Kirchen, Vereine und Initiativen aus Lichtenrade. Zur Information der Bürger wurden im Laufe der Veranstaltung auch kritische Aspekte angesprochen. Viele Anwohner haben keine Einladung erhalten und hätten sich eine schnellere Information vom Bezirksamt gewünscht. Dies war im Wesentlichen der Aspekt, der für den meisten Unmut sorgte. Bis auf einige emotionale Äußerungen war die Atmosphäre der Informations- und Fragerunde ausgewogen und sehr positiv.

Sicherheitslage völlig unbedenklich!

Besonders wichtig war die sehr qualifizierte und deutliche Auskunft des Abschnittsleiters 47 der Polizei in Lichtenrade, Peter Diebel: „In den letzten Wochen gab es hier keine Strafanzeige.“

Peter Diebel weiß auch zu berichten, dass es bei den Flüchtlingseinrichtungen generell keine auffällige Kriminalität gibt. In die Zuständigkeit seines Abschnitts fällt seit vielen Jahren die große Einrichtung in der Marienfelder Allee mit 700 Flüchtlingen. Auch hier gab es keinerlei Konflikte. Der einzige größere Streit vor einiger Zeit stellte sich als Problem unter den Jugendlichen heraus. Die Lichtenraderinnen und Lichtenrader hörten aufmerksam zu und waren überwiegend sichtbar beruhigt, als die Sicherheitslage als völlig unbedenklich eingestuft wurde. Die Polizei hat mit dem Heimbetreiber schon Absprachen getroffen. Es gibt eine gute Zusammenarbeit mit dem Träger und die Einrichtung wird auch in Streifenfahrten mit einbezogen, erläutere Diebel.

Ein gemeinsames Bezirksamt und kein parteipolitisches Kalkül

Zur Bürgerversammlung hatte das Bezirksamt eingeladen.

Und so saßen die Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD), die stellvertretende Bürgermeisterin und Stadträtin für Bildung, Kultur und Sport, Jutta Kaddatz (CDU) und Dr. Sibyll Klotz (Bündnis 90/Die Grünen), die Stadträtin für Gesundheit, Soziales und Stadtentwicklung, geschlossen am Podium. Das Anliegen vom Bezirksamt war es, Fragen zu klären und Ideen für Lösungen mitzunehmen. Erfreulicherweise stand auch kein parteipolitisches Kalkül im Hintergrund. Die Veranstaltung wurde von Pfarrer Rainer Lau (Hausherr in der katholischen Kirche) und von Pfarrer Roland Wieloch (evangelische Kirchengemeinde) sehr klar und transparent moderiert. Mit am Podium saßen noch Stefan Thiel (zuständiger Referatsleiter beim Landesamt für Soziales und Gesundheit-LAGeSo) und Ewald Möller vom Heimbetreiber, dem Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF). Es gab kurze Eingangsstatements, die die wesentlichsten Fakten und Aspekte beschrieben.

250 Plätze sind geplant

Seit dem 18. September 2014 sind die ersten Menschen in der Flüchtlingsunterkunft untergebracht worden. Ewald Möller (EJF) wäre es auch lieber gewesen, wenn man die Einrichtung erst komplett für den Betrieb hätte fertigstellen können. Die Notlage der Flüchtlinge machte es aber dann notwendig, sehr schnell die ersten Plätze zur Verfügung zu stellen. So sind zum Zeitpunkt der Bürgerversammlung 71 Personen untergebracht, davon 35 Kinder. Insgesamt soll die Einrichtung ab Frühjahr 2015 für 250 Menschen zur Verfügung stehen. Es müssen jedoch erst umfängliche Umbau- und Sanierungsmaßnahmen stattfinden. Stadträtin Klotz will möglichst an dieser Zahl festhalten. Die Menschen kommen zur Hälfte aus Serbien und Bosnien. Die andere Hälfte der Bewohner kommen aus Syrien, Afghanistan und weiteren Staaten der arabischen Welt. Diese Gruppe der Flüchtlinge wird sich in der nächsten Zeit deutlich erhöhen.

Kinder kommen in „Willkommensklassen“

Circa 20 Kinder in der Einrichtung sind im Grundschulalter, es gibt 2 Jugendliche und der Rest der Kinder ist noch nicht schulpflichtig. Schulstadträtin Kaddatz informierte über das System der „Willkommensklassen.“ In diesen kleinen Lerngruppen wird am Anfang verstärkt auf das Erlernen der deutschen Sprache wert gelegt. Auch in Lichtenrade gibt es schon verschiedenste „Willkommensklassen“ an den unterschiedlichsten Schulen (2 in der Taunusschule, 3 in der Bruno-H.-Bürgel-Schule, jeweils eine Lerngruppe im Georg-Büchner-Gymnasium und in der Carl-Zeiss-Oberschule). Geplant sind zurzeit noch 2 Klassen an der Nahariya-Grundschule. Für jüngere Kinder kann man in der Regel die Wohnortnähe gewährleisten. Ältere Kinder müssten laut Stadträtin Kaddatz auch weitere Wege in Kauf nehmen. Wichtig sei, dass die Kinder schnell einen strukturierten Tagesablauf bekommen. Innerhalb von 1 bis 2 Wochen wird die Schulunterbringung bewerkstelligt. Nach dem ersten Jahr soll dann der Weg in die Regelschule geebnet sein. Kaddatz ist auch für den Sport zuständig und sieht gute Anknüpfungspunkte für Unterstützungen. Der VFL Lichtenrade hatte schon Unterstützung angeboten. In der Bürgerversammlung hat auch der SSV Lichtenrade, der im benachbarten Haus der Flüchtlingsunterkunft seine Geschäftsstelle hat, seine Hilfe angeboten. Kaddatz äußert sich zuversichtlich und kann sich auch musikalische und kulturelle Aktivitäten mit den Bewohnern vorstellen.

Wir werden das stemmen!

Stadträtin Sibyll Klotz erläuterte, dass alle Kinder untersucht werden und auch entsprechende Impfungen angeboten werden. Klotz strahlt Zuversicht aus und will die Anwesenden ermuntern: „Berlin ist eine so große Stadt. Wenn alles vernünftig organisiert ist, werden wir das auch stemmen!“

Laut Stefan Thiel vom LAGeSo gibt es in Berlin 48 Gemeinschaftsunterkünfte für Erstaufnahmen mit 11.500 Bewohnern und zusätzlich bis zu 800 Plätze in Hostels. Im September kamen 1.324 Flüchtlinge nach Berlin; diese Zahl wird im Oktober voraussichtlich auf 2.000 steigen. Alle bisherigen Einrichtungen sind voll ausgelastet. Daher sind neue Unterkünfte zwingend notwendig.

Personal in der Einrichtung unterstützt Bewohner

Der EJF-Heimbetreiber hat Erfahrung mit mehreren größeren Flüchtlingsunterkünften; eine davon in Berlin-Köpenick, erläutert Ewald Möller vom EJF, Referent Migration und Flüchtlingshilfe. Christiane Wahl ist ab der kommenden Woche die Einrichtungsleiterin und bringt eine fünfjährige Erfahrung aus einer anderen Einrichtung mit. Es wird erläutert, dass sozialpädagogisches Personal in der Einrichtung vorgehalten wird. Darüber hinaus gibt es Sicherheitspersonal, das 24 Stunden in mehreren Schichten im Einsatz ist. Da das Personal aus jungen Menschen mit Migrantenhintergrund besteht, erhofft man sich einen einfachen Zugang zu den Bewohnern und die leichtere Überwindung von Sprachbarrieren. Auch Möller ist davon überzeugt, dass Sport, Musik, Tanz und Feste die Menschen unkompliziert zusammenbringt. Wer Interesse hat die Einrichtung zu besuchen, soll sich bitte vorab anmelden. Besuche werden ggf. gebündelt. Ebenso finden Hinweise, Anliegen und Angebote von Anwohnern ein offenes Ohr (Kontakte siehe am Ende des Berichtes). Der Vertrag für die Einrichtung in Lichtenrade ist vorerst auf 5 Jahre abgeschlossen.

Überwiegend positive Stimmung: „Wir sind doch kein Dorf mehr!“

Es gab natürlich auch kritische Hinweise sowie Nachfragen und es wurden Sorgen formuliert. Die überwiegende Stimmung war aber den Flüchtlingen gegenüber sehr positiv eingestellt. Dies drückte sich immer wieder durch den Applaus zwischen den entsprechenden Redebeiträgen aus.

Richtiger Applaus kam dann auf, als ein Anwohner ganz klar formulierte, dass er keine Angst habe und 250 Flüchtlinge in Lichtenrade doch kein Problem sind: „Wir sind doch seit vielen Jahren kein Dorf mehr.“ Auch ein ausländischer Mitbürger rief zur Unterstützung der Flüchtlinge auf, ohne andererseits mögliche Schwierigkeiten mit einigen auffälligen ausländischen Gruppen und Menschen herunterzuspielen.

Es wurden noch weitere verschiedene Hilfen angeboten, die im hinteren Bereich der Kirche an einer Wandtafel gesammelt wurden. Deutlich wurde, dass in Kürze ein „runder Tisch“ eingerichtet werden soll, um all die Fragen mit den verschiedensten Bereichen absprechen zu können. Hierfür konnte man sich auch anmelden. Am Rande der Versammlung hatte der Fraktionsvorsitzende der BVV von Bündnis 90/Die Grünen, Jörn Oltmann, die Idee der Beantragung von BVV-Sondermittel für Sachmittel für ehrenamtliche Hilfen. Dies erläuterte er gleich mit weiteren Mitgliedern von anderen BVV-Fraktionen.

Der Geist von Salvator

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und viele andere waren vom Verlauf der Veranstaltung sehr angetan.

Gut gewählt war sicherlich auch der Rahmen in der Kirche und auch die „neutrale“ Moderation der Pfarrer. In dieser Situation ein gutes Modell!

Eine sehr positive Stimmung, die sich Lichtenrade bewahren sollte. Probleme sollten angegangen und gelöst werden. Dafür ist eine offene und zugewandte Kommunikation von und mit allen Beteiligten notwendig. Der Geist von Salvator, der an diesem Freitagabend spürbar war, hilft dann vielleicht auch andere Lichtenrader Probleme zu lösen! Ich wünsche es mir jedenfalls!

Thomas Moser (auch alle Fotos)

Kontakt zur Einrichtung:

Tel. (030) 7430 478 70

Fax (030) 7430 478 78

E-Mail: sekretariat-kirchhainer-damm@ejf.de

udo wagner
am  14. Oktober 2014  um  16:15

Danke für den Artikel. Er gibt die Stimmung und Situation an dem Abend hervorragend wieder.


Ich kann nur hoffen, dass dieser positive Auftakt sich noch verstärkt und wir in Lichtenrade hier alle gemeinsam an dem Ziel mitarbeiten diesen Menschen zu helfen. Jeder sollte sich einmal gedanklich in die Situation eines Flüchtlngs versetzen, da ist man doch froh, wenn man willkommen geheißen wird und einem geholfen und beigestand wird.


Ängste auf Seite der Lichtenrade sind nachvollziehbar und sollten auch nicht mißachtet werden, doch die Ängst und Sorgen der Flüchtlinge - alles verloren; in einem fremden Land; ohne Sprachenkenntnis und ohne Kenntnis der Kultur - ich glaube dieser Ängst sind noch stärker, und deshalb sollten wir den ersten Schritt tun, unsere Ängste überwinden und aufeinander zu gehen.

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Hier wird jetzt in lockerer Folge von aktuellen Lichtenrader Geschehnissen berichtet. Eine Art "AKTUELLE INTERNETZEITUNG" könnte man auch sagen...
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