Die Lichtenrader Pufferküsser: Gartenbahnfreunde treffen sich!

Die Straßenbahn 99 fährt wieder durch Lichtenrade

Berlin-Lichtenrade, 16. August 2011, 16 Uhr Heute treffen sich in Lichtenrade zehn gestandene Männer, die ein gemeinsames Hobby haben: Garteneisenbahnen. Das Geheimnis rund um die Straßenbahn 99, die bis September 1961 in Lichtenrade ihre Endstation und Wendeschleife vor der Salvator-Kirche hatte, wird später gelüftet!

Die reiferen „Lira Gängster“ bekommen Nachwuchs!

Die meist schon etwas reiferen Herren treffen sich immer am 16. eines jeden Monats, egal was für ein Wochentag es ist, immer um 16 Uhr und immer bei einem anderen Eisenbahnfreund. Den immer gleichen Tag und die gleiche Uhrzeit erklären die Fans der handfesten Eisenbahnen mit ihrem etwas höherem Alter. Die „Lira Gängster“ (man beachte die etwas eigentümliche Rechtschreibung) kokettieren gerne mit ihrem Alter. Sie sind zwar tatsächlich fast alle im Ruhestand, aber sie sind noch gut beieinander. Heute haben Sie einen echten jungen Neuzugang in der Gruppe, der den Altersschnitt beträchtlich senkt. Sascha Treib hat in Lichtenrade eine Fahrschule und baut in der Freizeit in seinem Garten ein Eisenbahnviadukt.
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Über sein Hobby hat ihn Roland Thoma, ein anderer begeisterter Hobbybahner, bei eBay aufgespürt: „Ein reiner Zufall war das.“ Roland Thoma ist ein pensionierter Polizist und hat sich auf Rhätische Bahnen (RhB), eine Schweizer Eisenbahn mit ausgedehntem meterspurigen Netz, spezialisiert. Die bekannteste Rhätische Bahn ist die Berninabahn, die vom Schweizer St. Moritz bis auf 2.253 m über den Meeresspiegel klettert um dann im italienischen Tirano seine Endstation zu haben. Der Schweiz-Fan Roland Thoma ist begeistert von seinem „Krokodil“, für das man rund 800 Euro in der Digitalversion auf die Ladentheke legen muss. Das „Krokodil“ ist kein Reptil, sondern ein Spitzname für interessant geformte Elektrolokomotiven mit zwei längeren Vorbauten. Die ursprüngliche Bezeichnung geht auf den Einsatz besonders bei der Gotthardbahn in der Schweiz zurück, wo der steilen Anstieg von den grünen Kraftprotzen auf Schienen bewältigt wurde. Die anderen Bahnfans haben ihre Privat-Bahnen auch im Garten oder auf dem Dachboden, lieben Vitrinen- oder Fantasiemodelle und fahren ihre alten Loks teilweise unter echtem Dampf.
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Die Bezeichnung „Lichtenrader Gängster“ ist dadurch entstanden, dass sie von ihrem Modellbahnhändler nach zähen Preisverhandlungen zu ihren Gunsten mit den Worten verabschiedet wurden: „Ihr seid ja alles Gangster!“ Die „Gängster“ sind aber keine Gangster und tragen ihr Logo offen auf T-Shirts und Caps.
Jeder Eisenbahner hat so seine Schwerpunkte. Da gibt es die sogenannten „Pufferküsser“, den Modellbauer, den Bahnfotografen oder das „wandelnde Lexikon“: „Wir ergänzen uns ganz wunderbar!“ Zu der Gruppe gehören 14 Männer. „Wir haben jetzt auch ein AG Figurenformen gegründet“, erzählt Wilfried Reinsch, auch ein ehemaliger Polizist. In der Eisenbahnergruppe haben sich ehemalige U-Bahnfahrer, ein Rangierleiter und handwerkliche Berufe ohne Eisenbahnhintergrund, wie Maurer, Kfz-Mechaniker und Maschinist zusammengefunden.

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Wilfried Reinsch mit seiner Dampflok
Straßenbahn „Marke Eigenbau“
Rainer Anders ist der Modellbauer unter den Eisenbahnfreunden. Er erzählt, dass ihm das Bauen viel Spaß macht, aber auch nicht soviel kostet, als wenn man einfach eine Lok kauft. So hat Anders aus der Not eine Tugend gemacht und baut einzigartige Gartenbahnschätze der Spitzenklassen. Heute hat er seine besten Stücke mitgebracht. Das absolute Prachtexemplar ist eine alte Straßenbahn im Modell, die früher in Lichtenrade ihre Endhaltestelle hatte.
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Die „99“ hat er nach einem großen Vorbild, das jetzt an der Kleinmachnower Schleuse steht, als Modell gestaltet. Er hat hunderte Fotos gemacht, alles akribisch notiert und dann einen eigenen Bauplan erstellt. Die alten Schilder hat er von der echten Straßenbahn im Museums-Depot abfotografiert und dann so verkleinert, dass sie vom Original nicht mehr zu unterscheiden waren. Rausgekommen bei der ganzen Bauerei ist ein Unikat, das es nirgendwo anders zu bewundern gibt. Selbst viele Figuren hat Rainer Anders selbst modelliert.
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An diesem Modell, dass auch alten Lichtenradern gefallen dürfte, hat Rainer über ein Jahr gearbeitet: „Die Stunden kann ich gar nicht zählen!“ Verkaufen will der Bauherr seine Vorzeigeloks aber nicht: „Die gehören höchstens in ein Museum!“
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Seit über einem Jahr ist der Modellbauer auf Rente und hat jetzt noch mehr Zeit zum Bauen. Weitere Prunkstücke sind die Rangierlok „Köf“ mit schwerem Stahlkern, der sogenannte filigrane „Glaskasten“ und interessante Werkstadtfahrzeuge.
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Die Materialien zur Herstellung der Modelle sind hauptsächlich Polystyrol und Balsaholz. Für Schornsteine wird auch mal eine Spritze genommen oder umlackierte Knöpfe sind dann Lüfter. Rainer Anders ist bei seinen Ersatzmaterialien sehr erfinderisch. Die Gestänge der Dampfloks werden teilweise selbst aus Messing gefertigt. Auch komplizierte Drehgestelle hat der Modellbahnfummler Anders schon in seiner Werkstatt hergestellt. Die feinen Holzstrukturen bei den Eisenbahnanhängern ritzt er mit seinem Fingernagel ein. Für den Modellbauer sammeln Vereinskollegen alles mögliche an Krimskrams, was ihnen in die Finger kommt.
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Rainer Anders hat seine Selbstbauloks mit dem persönlichen Bahnnamen-Kürzel „RAB“ getauft. Der Künstler der Gartenbahner wird für die einmaligen Ergebnisse seiner Fummelei von seinen Eisenbahnkollegen anerkennend bewundert…vollkommen zurecht!
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Treffen beim „Chef“ vom Volkspark Lichtenrade
Heute ist der Treffpunkt bei Wolfgang Spranger im Garten. Seine Gartenbahnanlage ist circa 10 Meter lang und 1,40 Meter breit.
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Bierchen stehen bereit, die Suppe köchelt schon vor sich hin und die neuesten Erlebnisse werden ausgetauscht. Eine lockere Atmosphäre. Hier hat man sich immer etwas zu erzählen. Wilfried erzählt von mehreren Maulwürfen, die Gefallen an seiner Eisenbahnanlage gefunden haben. Im Hintergrund tuckert eine Dampflok mit Sound und einige Dampflokomotiven warten auf ihr Abfahrsignal.
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Der Gastgeber Wolfgang Spranger "unter Dampf"
Der heutige Gastgeber ist in Lichtenrade auch durch „seinen“ Volkspark bekannt. Wolfgang Spranger ist der Vorsitzende des Vereins Lichtenrader Volkspark. Er hat im Keller seines Einfamilienhauses auch das Vereinsheim eingerichtet. Hier finden, neben den wöchentlichen Arbeitseinsätzen im Park, die Vereinstreffen im Raum der gut gefüllten Hausbar statt.

Wolfgang Spranger berichtet, dass der verstorbene Dieter Ney, von allen nach seiner Wohnstraße nur „Schumpeter“ genannt, die Eisenbahngruppe sozusagen gegründet hat. Zum alten Reichsbahner „Schumpeter“ kamen immer wieder die Eisenbahnfans, um seine Gartenbahn im Vorgarten zu bestaunen. Daraus ist dann vor einigen Jahren eine Gruppe entstanden. Zu der eingeschworenen Gemeinschaft zählten mal 18 Gartenbahnliebhaber. Die Männer fahren aber auch gerne, mindestens einmal im Jahr, zu weiter gelegenen Eisenbahnausstellungen und haben für ihre Teilnahme darüber auch schon Urkunden erhalten.
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Im Winter werden die kleinen Häuser und Figuren im Keller „eingemottet.“ Die Bahnmodelle sind sowieso immer sicher im Haus verwahrt. Die Schienen sind ganz unempfindlich, so ist auch Schnee für sie kein Problem. Ansonsten muss die Anlage mit viel Handarbeit gereinigt werden. Wolfgang Spranger nutzt für einige Bahnteile schon mal Pressluft, um sich die Arbeit etwas leichter zu machen.

Die anderen Lichtenrader Eisenbahner heißen Wilfried, Lothar, Manfred, Günter, Horst, Dieter, Hartmut oder Thomas. Und alle sind sie ein bisschen „verrückt“ (im positiven Sinne).

Die Lichtenrader Gruppe schreibt über sich selbst: „Auf den monatlich stattfindenden Treffen bei wechselnden Gastgebern wird in geselliger Runde neben Fahrbetrieb und Medienschau kräftig gefachsimpelt.“ So gehört ein wenig Fachchinesisch zu den Eisenbahnern: Die Spurbreite der Gartenbahn ist „45mm IIn“ oder wird auch „Spur G“ genannt. Roland Thoma, der Mann mit den Schweizer Eisenbahnen, hat als einziger von Analog auf Digital umgerüstet. Andere fahren gerne mit echtem Dampf über ihr Grundstück.

Die begeisterten Gartenbahnler fühlen sich in ihrem Element, wenn sie unter Gleichgesinnten einmal im Monat so richtig „Kind“ sein dürfen. Sie betonen aber immer wieder, dass die teuren Modelle kein Kinderspielzeug sind. Es glitzert in ihren Augen, wenn sich das rollende Material in Bewegung setzt: „Vorsicht an der Bahnsteigkante und zurückbleiben bitte!“

Thomas Moser (auch Fotos)-BerLi-Press (www.berli-press.de) für www.lichtenrade-berlin.de

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Hier wird jetzt in lockerer Folge von aktuellen Lichtenrader Geschehnissen berichtet. Eine Art "AKTUELLE INTERNETZEITUNG" könnte man auch sagen...
Viel Spaß dabei!
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