10 jähriges Lichtenrader Buddelkasten-Treffen: Freunde fürs Leben!

Berlin-Lichtenrade, 24.10.2010 Die Nachkriegs-Buddelkastenkinder von der Wünsdorfer Straße in Lichtenrade treffen sich jährlich zu einem großen Eisbeinessen in Lichtenrade. Heute war es wieder so weit und aus vielen Himmelsrichtungen kamen die ehemaligen Spielkameraden nach Lichtenrade. Sie spielten zum Ende des 2. Weltkrieges und in der Nachkriegszeit auf dem Spielplatz in der Wünsdorfer- Ecke Blohmstraße, wo heute einige Busse ihre Endstation haben. Heute heißt der Platz nach dem ermordeten Kommunisten Erich Hermann, der in der Sylvesternacht 1932/1933 als 18 Jähriger an dieser Stelle von einem SA-Mann erstochen wurde.

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Der Organisator vom Buddelkasten-Treffen Wolfgang Graeper (3.v.lks-bei den Innenaufnahmen unten im roten Pullover)

Im Jahre 2000 hat sich der Lichtenrader Wolfgang Graeper aufgemacht, um seine alten Spielkameraden ausfindig zu machen. Er studierte ausgiebig Telefonbücher und der Eine und Andere wusste auch noch die Anschrift eines anderen ehemaligen Spielkameraden. Wolfgang Graeper erzählt, dass es bei den Mädchen besonders schwierig war, weil sie durch Heirat ihre Namen verändert hatten. Sie haben es aber geschafft, dass sich circa 60 Kinder, heute in der Regel schon im Ruhestand, vor 10 Jahren am ehemaligen Spielplatz eingefunden haben. Damals kam einer sogar aus Australien, andere aus dem Schwarzwald und aus dem Saarland. Keiner wusste beim ersten Treffen, wie der Andere aussieht und das Rätzeln, wer ist wer, begann.

Das große Eisbeinessen mit einer reichhaltigen Tombola findet jetzt immer, jedes Jahr, in der „Tränke“ vom Ländlichen Reiterverein am Schichauweg statt. Einige treffen sich aber vorher schon am ehemaligen Spielplatz. Hier werden Geschichten von früher erzählt: „Auf dem Platz war früher nur eine Buddelkiste. Spielgeräte gab es damals noch nicht, aber die brauchten wir auch nicht. In den Büschen haben wir uns mit Pflanzen vom Bahndamm Höhlen gebaut.“ Wolfgang Graeper erzählt dann weiter: „Hier gab es ansonsten nur einen großen Kastanienbaum auf dem Platz. Wir haben uns immer gemeinsam draußen aufgehalten, weil früher ja auch keiner verreist ist.“ Es werden Geschichten ausgetauscht, wie sie mit Lindenblütenblättern ihre ersten Zigaretten gebastelt haben, Fuß- oder Schlagball und mit Stöckern „Schiffe versenken“ gespielt haben.
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Wolfgang Graeper erzählt dann auch, wie er Quitten vom Baum geklaut hat und weil sie nicht schmeckten, zurück in den Garten geschmissen hat. Viele Jahrzehnte später ist das bei einer Begegnung mit dem ehemaligen Eigentümer rausgekommen. Graeper ist in der Wünsdorfer Straße 113 groß geworden und ihm fallen viele Geschichten ein, wenn er sich seine alte Heimat nochmal genau ansieht. Vom Dachboden des Hauses konnte er sehen, wie die Dorfkirche, Ende 1943, von mehreren Brandbomben getroffen wurde und lichterloh ausbrannte. Sie selbst hatten Glück. Eine Brandbombe schlug direkt vor dem Haus Nummer 113 ein, indem sich auch ein Luftschutzkeller befand. Dabei ist aber nichts passiert.
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Wolfgang Graeper erzählt, wie er mit einigen Freunden in den ehemaligen „Ami-Club“, dem heutigen LortzingClub, gegangen ist, um Seifenkisten zu bauen. Andere erzählen, dass sie dort das Schwimmen gelernt haben. Fahrräder gab es damals kaum, aber die Nachkriegskinder konnten sich auch so gut beschäftigen.

Sie wissen auch noch genau, wie sie und ihre Mütter von den Zügen Kohlen geklaut haben oder sich Lebensmittel, zum Beispiel Konserven und Würfelzucker, aus der ehemaligen Mälzerei „organisierten“. Hier haben teilweise ihre Mütter gearbeitet. Die Lebensmittel der ehemaligen Wehrmacht haben die Russen abtransportiert und das eine und andere fiel dann für die hungrigen Schlünde ab. Die Mütter wurden damals am Ausgang natürlich kontrolliert. Die Kinder nutzten ein Gerüst am Gebäude, wenn der russische Wachmann außer Sichtweite war, damit ihnen ihre Mütter etwas zustecken konnten.
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Wolfgang Graeper und die anderen ehemaligen Spielkameraden haben immer noch ein herzliches Verhältnis zueinander. Diese Freundschaft kann man auch in den Gesprächen gut nachempfinden. Sie erzählten davon, dass im Winter die Wünsdorfer Straße zur Eislauffläche wurde: „Es gab ja kaum Autos!“ Auch können sie sich noch an ein selbst organisiertes Sommerkinderfest mit Kapelle erinnern. Die intensivste Zeit der Spielplatzkumpels war dann vom Kriegsende 1945 bis ungefähr 1955. Einige haben hier auch dann in unmittelbarer Nähe am Platz eine Lehrstelle, zum Beispiel beim Malermeister, gefunden.
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Viele in der Gruppe sind um 1938 herum geboren. Der Älteste ist heute 82 Jahre, der jüngste Anfang 60 Jahre und ungefähr 10 Freunde sind schon gestorben. Die Traueranzeigen gehen immer bei dem Motor der Buddelkasten-Treffen, Wolfgang Graeper, ein: „Es sind auch nicht immer Alle da, wir werden ja auch nicht gesünder.“ So konnte auch der Mitorganisator aus dem Schwarzwald, Erhard Scheffler, in diesem Jahr nicht kommen. Erhard Scheffler besucht aber noch regelmäßig Lichtenrade und seine Freunde. Über den Alt-Lichtenrader Scheffler hat der Autor dieses Artikels, der Kiezreporter von Lichtenrade, Kontakt zu der eingeschworenen Gemeinschaft bekommen. Erhard Scheffler verfolgt aufmerksam, als treuer Leser der Internetseite www.lichtenrade-berlin.de, das Geschehen in seinem ehemaligen Heimatort.
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Einige der Gruppe treffen sich einmal im Jahr zusätzlich zu einer Busfahrt, zum Beispiel zur Baumblüte nach Werder. Einmal im Monat treffen sich ungefähr 15 Freunde zum Wandern und bis vor einiger Zeit fanden noch regelmäßige Radtouren statt. Einmal monatlich, jeden ersten Freitag im Monat, treffen sich einige aus der Gruppe regelmäßig zum Stammtisch im Reiterkasino. Seit einigen Jahren sind nun aber auch die Partner der „Spielplatzbande“ bei den Treffen dabei. Die Treffen finden in einer ungezwungenen Atmosphäre statt.
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Heute, beim großen Eisbeinessen, sind 55 Freunde einschließlich Partner gekommen. Es ist eine wunderbare Atmosphäre spürbar, wenn die Menschen sich gegenseitig Geschichten erzählen und dabei einfach nur „strahlen“.

Ein Motto der unzertrennlichen Buddelkisten-Gemeinschaft könnte lauten: „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste was es gibt auf der Welt…“

Thomas Moser (auch Fotos)–BerLi-Press (www.berli-press.de) für www.lichtenrade-berlin.de

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