Das Restaurant Reisel ist seit 140 Jahren in Familienbesitz

Bericht aus der Berliner Zeitung vom 24.7.2006:

Früher gab's Berliner Weiße mit Rum

Claudia Fuchs

LICHTENRADE. Den Vornamen des eigenen Urgroßvaters nicht zu kennen, ist wohl nicht ungewöhnlich. Monika Reisel will es trotzdem wissen: Sie greift zum Telefon, ruft ihre Tante an und weiß wenig später Bescheid: "Das war Gustav Reisel, nicht Johann", sagt sie. Das Beispiel macht klar: Bei Familiengeschichten den Überblick zu behalten, ist nicht immer leicht. Zum Jubiläum ist es aber nötig: Am Sonnabend feierte das Familienrestaurant Reisel in Alt-Lichtenrade seinen 140. Geburtstag. Ungewöhnlich ist nicht nur das Alter: Die Gaststätte befindet sich seit ihrer Gründung1866 in Familienbesitz.

Ihren Anfang nahm die Geschichte des wohl ältesten Familienrestaurants Berlins allerdings weitere 116 Jahre zuvor: Im Jahr 1750 verließ ein gewisser Peter Grunow sein Heimatdorf Kaulsdorf und wanderte nach Lichtenrade aus - in ein winziges Dörfchen mit einer Hand voll Häuser um einen kleinen Teich. Als seine Enkelin Marie Luise 1838 den Stellmacher Rudolf Reisel heiratete, erhielt sie als Mitgift ein kleines Grundstück an der Ostseite der Dorfstraße. Dort, an der so genannten Staats-Chaussee zwischen Berlin und Dresden, eröffnete eben jener Rudolf 1866 eine "Raststätte mit Pferdeausspann", in der Reisende ihre Pferde versorgen und etwas zu essen zu sich nehmen konnten.

Wer das Restaurant mit traditionell deutscher Küche in der Straße Alt-Lichtenrade 83 heute besucht, wird schnell auf die Geschichte aufmerksam gemacht: Historische Fotos zieren eine ganze Wand - sie zeigen Großväter und Urgroßmütter, Tanten, Großonkel, Nichten und Neffen der Familie Reisel.

Doch das Wissen um die langjährige Geschichte ist Monika Reisels Sache nicht: Die Ur-Ur-Ur-Enkelin von Gründer Rudolf Reisel führt das Restaurant zwar seit 1992, doch für Familiengeschichte war zuletzt ihr Vater zuständig. "Er kannte sich da sehr gut aus", sagt die 48-Jährige. Seit dem Tod ihres Vaters vor drei Jahren muss sie sich selbst zurechtfinden in der langen Geschichte: zusätzlich zum Tagesgeschäft mit 13 Angestellten, 100 Plätzen drinnen und weiteren 150 draußen.

Zum Glück gibt es da diese Broschüre, die Helmut Reisel vor zehn Jahren hat drucken lassen - zum großen Fest beim 130-jährigen Jubiläum. Darin wird zum Beispiel beschrieben, dass Reisel im Zweiten Weltkrieg von einem Granatsplitter getroffen wurde, der das Dach durchschlagen und im Stammtisch stecken geblieben war. Erst 1960 fiel er heraus - als ein Gast den damaligen Kreml-Chef Chruschtschow imitierte, der bei einer Rede vor der Uno mit dem Schuh aufs Rednerpult geklopft hatte. Beschrieben wird in der Broschüre auch den "Nebenverdienst" von Monika Reisels Urgroßvater. Der betätigte sich nebenbei als Brauer und stellte eigene Weiße her: Versetzt mit Rum, ließ er das Getränk ein Jahr lang in Tongefäßen reifen, die er im märkischen Sand vergraben hatte.

Doch auch die schönsten Familiengeschichten enden irgendwann. Monika Reisel ist die letzte aus ihrer Familie, die das Reisel führt: Ihre Schwester hat dem Unternehmen den Rücken gekehrt - die Eltern hatten sehr wenig Zeit für ihre Kinder. Und Monika Reisel selbst ist kinderlos. "Ich werde es dann wohl an einen meiner Angestellten übergeben", sagt sie.

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