100 Jahre Salem in Lichtenrade -Damals und Heute-

Als im Jahr 1904 nach verschiedenen Stationen die Diakonisse Cäcilie Petersen (*20.03.1860, †02.07.1935) mit 17 Schwestern nach Lichtenrade kam, das damals ein Dorf vor den Toren Berlins war, fand sie vor Ort schon einzelne Gemeinschaftschristen vor.

 

Sie gründete das Gemeinschaftsdiakonissenmutterhaus Salem-Lichtenrade und wurde dessen erste Oberin. Am 27.03.1906 konnte dann die Einweihung des in der Rohrbachstraße / Hohenzollernstraße von dem Architekten Reinold Schober neu erbaute Mutterhauses gefeiert werden.

 

Cäcilie Petersen wird in alten Überlieferungen als eine beieindruckende Persönlichkeit beschrieben, der der Herr "pfingstliches Feuer" in das Herz gegeben hatte und die eine große Liebe zu den "Entgleisten und Gezeichneten" der Gesellschaft hatte. Sie ging Menschen im tiefsten Elend nach und nahm dabei auch ungewöhnliche Wagnisse auf sich, um ihnen ohne Scheu durch Wort und Tat das Evangelium zu verkünden. So war es ihr auch in Lichtenrade ein Anliegen, Mädchen und jungen Frauen aus Berlin Schutz und eine neue Perspektive zu bieten.

 

Als Losung für das Mutterhaus wurde daher auch ein Bibelwort aus Hesekiel 34,16 gewählt, wo Gott der Herr spricht: „Ich will das Verlorene suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken.“

 

Auch ist belegt, daß Cäcilie Petersen über die biblische Gabe der Krankenheilung verfügte.

 

Pastor Asmus Christiansen, ein in Gemeinschaftskreisen bekannter Mann, wurde zum Dienst im Mutterhaus berufen. Er blieb dem Mutterhaus auch bis über seine Pensionierung hinaus verbunden und prägte es entscheidend.

 

Insbesondere aus den christlichen Gemeinschaftskreisen wuchs die Schar der Schwestern des Mutterhauses sprunghaft. Zu Beginn des ersten Weltkrieges 1914, gab es bereits 232 Diakonissen, 1925 waren es dann schon 459 und 1937 waren es 689 Diakonissen. Damit war es das größte Mutterhaus in Berlin und Brandenburg.

 

Die Schwestern waren insbesondere in Mittel- und Norddeutschland als Gemeindeschwestern, in Krankenhäusern, der Kinder- und Jugendarbeit und sozialen Brennpunkten tätig, wo sie mit Wort und Tat ihren christlichen Glauben bezeugten.

 

1925 wurde in der Lichtenrader Bahnhofstraße die Salems-Buchhandlung gegründet, in der bis 1985 christliches Schriftgut angeboten wurde.

 

Daneben befand sich ein vom Mutterhaus geleiteter Kindergarten, in dem viele Generationen von Lichtenrader Kindern betreut wurden.

 

1920 wurde dann unter anderem auch mit dem Lichtenrader Bauer Bochow, welcher bereits die Ansiedlung des Mutterhauses tatkräftig unterstützt hatte, die Landeskirchliche Gemeinschaft Lichtenrade gegründet. Die Gemeinde war immer eng mit dem Mutterhaus geistlich, personell und räumlich verbunden. Die Versammlungen fanden in Räumen neben der Buchhandlung  und des Kindergartens in der Riedinger Straße statt. Auf dem Gelände steht heute ein Geschäftshaus mit Bäckerei.

 

In den Nachbarorten Klein Ziethen, Waßmannsdorf und Osdorf wurden Gemeinschaftskreise gegründet und unterstützt.

 

Als Cäcilie Petersen 1935 starb, wurde sie auf dem Lichtenrader Friedhof im Salemsfeld beigesetzt. Ihr Grab mit der Inschrift "Sie hat Gott vertraut" ist dort noch neben weiteren Schwestergräbern zu sehen.

Ihr folgte als Oberin Schwester Julie Neumann.

 

Die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges ging nicht ohne Schwierigkeiten und Bedrängnissen am Mutterhaus und der Gemeinschaft vorbei. Das Mutterhaus, das zwischenzeitlich kirchenrechtlich eine eigenständige Anstaltsgemeinde geworden war, war insbesondere unter Pastor Hans Brandenburg, welcher sich 1933 dem Pfarrernotbund angeschlossen hatte, Zentrum der Bekennenden Kirche in Lichtenrade und ganz Tempelhof.

 

Die Gottesdienste wurden im Gegensatz zu denen der Dorfkirche gut besucht und viele Konfirmanden konnten betreut werden, obwohl der dem NS-Regime nahestehende Pfarrer der Dorfkirche, Müller, dies zu verhindern versuchte und z.B. mittels Flugblättern dem Mutterhaus seinen "typischen jüdischen Namen Salem" und der Tatsache vorwarf, daß der dortige Pastor für Juden bete würde. Wegen des Andranges zu den sonntäglichen Gottesdiensten und der gewachsenen Schwesternschaft wurde 1937 die erweiterte Salems-Kapelle eingeweiht.

 

Als die Pastoren des Mutterhauses ein Predigtverbot erhielten, wurde vom Mutterhaus der Leiter der Gemeinschaft gebeten, eine Predigt zu lesen und der gottesdienstlichen Gemeinde das Nichterscheinen der Pastoren zu erläutern.

 

In der Gemeinschaft wurde eine Sonntagsschule als Ersatz für den in der Schule abgeschafften Religionsunterricht für Lichtenrader Kinder angeboten.

 

Bei der Betreuung von Säuglingen versuchte Schwester Edith Alker durch die Fälschung  von Berichten und Urkunden behinderte Kinder vor der Ermordung im "Euthanasie"-Programm zu retten.

 

Ende 1943 fiel eine schwere Luftmine auf das Salemsgrundstück. Etwa 12 Menschen, darunter zwei Schwestern, wurden getötet und es entstand erheblicher Sachschaden.

 

Nach Ende des zweiten Weltkrieges fanden die Angebote der Gemeinschaft insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit großen Zulauf. 50 Kinder besuchten die Sonntagsschule und durchschnittlich 60 Jugendliche, manchmal auch weit über 100 kamen zur Jugendstunde. Die Schwesternschaft war weiter missionarisch eingestellt und auf dem Salemsgelände kam es zu einem großen Einsatz der Zeltmission.

 

Da die Schwesternschaft durch die politischen Verhältnisse in der Zeit des Kalten Krieges verteilt in Berlin und im Osten und Westen Deutschlands lebte und die Diakonissen in Westdeutschland dringend einen Stützpunkt brauchten, verlegte 1960, nach einem langen und schmerzhaften Prozeß, der Hausvorstand, die Verwaltung und die Schwesternausbildung ihren Sitz nach Bad Gandersheim, wo das Mutterhaus bereits ein Krankenhaus verwaltete und betreute. Hinzu kam, daß das Mutterhaus in Lichtenrade direkt an der Zonengrenze und nach dem Bau der Berliner Mauer 1961direkt an dieser lag und damit sein bisheriges natürliches Hinterland verloren hatte.

 

Aufgrund von geringeren Eintritten ging die Zahl der Schwestern bis 1978 auf 335 zurück. Das Lichtenrader Mutterhaus wurde als Feierabend- und Pflegeheim umgebaut und in der Rohrbachstraße wurden im Elisabethheim debile Mädchen betreut.

 

Mitte der 80 iger Jahre des vorigen Jahrhunderts verlegte dann auch die Gemeinschaft ihren Sitz in die Rohrbachstraße auf das Gelände der Salemsschwesternschaft. Es wurde nach langen Jahren wieder ein Prediger, Wilfried Büttner, berufen. Dieser leitete dann auch immer wieder die Gottesdienste in der Salemskapelle, so daß auch dadurch Gemeinschaft und Mutterhaus noch näher zusammenrückten.

 

1989 wurde dann das Gelände des Mutterhauses in Lichtenrade an den Berliner Senat verkauft und wenige Wochen vor dem Fall der Mauer am 09.11.1989 verließen die letzen Lichtenrader Salemsschwestern Berlin und zogen nach Bad Gandersheim.

In dem Gebäude des Mutterhauses befindet sich jetzt der Kindergarten Salem und die Hortbetreuung der Käthe-Kollwitz-Schule. Auf dem weiteren Gelände entstanden in den vorangegangenen Jahren viele Wohnhäuser für Familien.

 

Die Gemeinschaft übernahm die gottesdienstliche Gemeinde des Mutterhauses und erhielt dazu die  jetzigen Räume in der Wünsdorfer Straße 88 zur Verfügung gestellt. Von 1990 bis 2003 war Rainer Becker Pastor der Gemeinschaft.

 

 

1996 erfolgte durch die Evangelische Kirche in Berlin Brandenburg die Beauftragung zum "stellvertretenden gemeindlichen Dienst" innerhalb der evangelischen Kirche. Damit können sämtliche Kirchenhandlungen selbständig vorgenommen werden. Die Gemeinschaft wählte als Nennamen "Salem-Gemeinde". Auch konnte nach langjährigen Arbeiten eine Erweiterung der Gemeinderäume abgeschlossen werden.

 

Seit 2003 ist Tobias Wehrheim Pastor der Salem-Gemeinde.

 

Ende 2005 kaufte die Gemeinde das Gemeindehaus vom Diakonissenmutterhaus, mit dem immer noch eine geistliche und freundschaftliche Verbundenheit besteht.

 

Auch Ende 2005 ging die 6. Oberin des Mutterhauses, Schwester Inge Puhle, in den Ruhestand. Auf eine Nachfolge wurde verzichtet.

 

Heute gibt es noch 57 Schwestern im jetzigen Sitz des Diakonissenmutterhauses Salem-Lichtenrade in Bad Gandersheim.

 

(ein Bericht vom Pastor Tobias Wehrheim)

 

Ansonsten wird auf die Website von www.lichtenrade-berlin.de verwiesen (direkter Link: http://www.lichtenrade-berlin.de/Salem1.html)

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